
Porträt:
Manager Jochen Jung lernt im Urlaub, wie
man Eis herstellt und eröffnet in der Altstadt von Heppenheim einen Laden.
In dem Laden in der Amtsgasse riecht es nach Basilikum, frischer Minze und
Vanille. Auf der Arbeitsfläche liegen Orangen, Bananen und Limonen, auf der
anderen Seite stapeln sich in großen Boxen Zimt und Zucker, Kakao und
Magermilchpulver. Mittendrin steht Jochen Jung und desinfiziert seine
Arbeitsgeräte. Jung hat in der Altstadt Mitte Juni ein Eiscafé eröffnet, das „Coccola“. „Coccola“
kommt aus dem Italienischen und bedeutet so viel wie „niedlich“ oder „klein“.
Klein ist der Laden wirklich, er besteht aus nur zwei Räumen: Vorne befindet
sich der Verkaufsraum, dahinter das Eislabor, in dem Jung mittlerweile
Minzblätter von den Stängeln zupft und auf eine Waage legt.
Hauptberuflich ist Jung Manager einer privaten Pflegeheim-Kette und arbeitet in
Frankfurt. Seinen Laden betreibt er als Hobby, das Eis produziert er meist nach
Feierabend oder am Wochenende vor Ladenöffnung. Vom Eismachen hatte er jedoch
vor kurzem noch so viel Ahnung wie eine Kuh vom Eierlegen. Die Idee, ein
Eiscafé in der Altstadt zu eröffnen, hatte er trotzdem schon länger. „Im Sommer
2007 saß ich mit Freunden auf dem Marktplatz, aber nach dem Essen fehlte uns
irgendetwas“, erklärt er. Schnell war klar: Die Altstadt braucht Eis. „Wenn
hier mal ein Laden frei wird, eröffne ich ein Eiscafé“, verkündete er an diesem
Abend denn auch lauthals. „Ob das in dem Moment unüberlegt war oder Größenwahn,
weiß ich nicht mehr.“
Geboren und aufgewachsen ist Jung
in Groß-Rohrheim, Heppenheim kennt er aus seiner Jugendzeit. Er hat eine
Ausbildung zum Kinderpfleger absolviert, sattelte nach einiger Zeit jedoch um
auf Hotelkaufmann. Einige Jahre lebte er anschließend im Ausland, studierte in
Amerika und managte Hotels, bis er im Jahr 2000 nach Deutschland zurückkehrte.
Nach Heppenheim kam er schließlich 2005. „Ich hatte mich schon als Jugendlicher
in ein Haus in der Schunkengasse verliebt, und als die Besitzer es verkaufen
wollten, habe ich zugeschlagen.“ Und er hat es von Grund auf renoviert, bis er
sein neues Heim Ende 2006 beziehen konnte.
Letztes Jahr war es dann soweit. Wieder saß Jung in geselliger Runde auf dem
Marktplatz – aber dieses Mal standen tatsächlich Geschäftsräume leer. Ein
Freund erinnerte ihn im Spaß an seine Worte – und Jung hat sich den Laden
angeschaut. Allerdings war der zu groß.
Also legte Jung die Eis-Pläne wieder auf Eis. Bis zum November vergangenen
Jahres. „Als ich damals die Amtsgasse entlanggelaufen bin, habe ich gesehen,
dass wieder ein Laden zu vermieten ist, diesmal ein kleinerer.“ Kurzerhand
setzte er sich mit dem Eigentümer in Verbindung und besichtigte die
leerstehenden Räume. Dass noch einige Renovierungsarbeiten gemacht werden
mussten, schreckte Jung nicht: Im Januar 2011 entschied er sich für den Laden.
Als es ernst wurde, galt es noch ein Problem zu lösen: Der Vierzigjährige hatte
von der Eisproduktion keine Ahnung. „Im Hinterkopf war das natürlich präsent“,
sagt er, „aber ich musste mich erstmal um die Instandsetzung kümmern“.
Schließlich hat er im März vier Wochen Urlaub genommen und diesen auf der
Eisfachschule im nordrhein-westfälischen Werl verbracht. Dort hat er von Grund
auf gelernt, wie man handwerklich Eis herstellt. „Nur die wenigsten können das,
obwohl es gar nicht schwer ist“, erklärt er. In den meisten Fällen werde Eis
aus Pulver mit entsprechendem Geschmack gemacht, das mit Milch vermischt und in
der Maschine verarbeitet wird. Das wollte Jung nicht. Also macht er es anders.
„Ich benutze kein Geschmacks-Pulver, sondern frische Zutaten“, sagt er.
An diesem Tag macht er Minzeis. „Das habe ich noch nie gemacht, aber ich
probiere das jetzt einfach aus.“ Als er genug Blätter beisammen hat, beginnt
er, die Minze fein zu hacken, wodurch der frische Geruch noch intensiver wird.
Unweigerlich fällt der Blick auf die Treppe, die in den Hinterhof führt. Dort
stehen leere Flaschen eines Starkbiers, und nicht wenige. „Die hab ich nicht
getrunken, die hab ich zum Eismachen gebraucht“, sagt er verschmitzt. Biereis?
Schmeckt das? „Ich selbst finde es nicht so lecker, aber ein Kunde hat es sich
gewünscht.“
Mittlerweile hat Jung genügend Minze beisammen. Gemeinsam mit den anderen
Zutaten packt er die gehackten Kräuter in die Eismaschine. Dort wird erst alles
gekocht, dann gekühlt, und nach nicht einmal 30 Minuten kommt die grünliche
Milcheismasse unten raus.
An sein erstes selbstgemachtes Eis kann er sich noch gut erinnern. „Ich hab’
wie verrückt Zitronen gepresst, den ganzen Tag.“ Und danach Freunde und
Bekannte zum Zitroneneis-Testessen eingeladen. „Die waren ganz zufrieden mit
dem ersten Versuch“. Jung experimentiert gerne, dabei geht auch so manches
schief: „Einmal wollte ich Bananeneis machen und war hochmotiviert“, sagt er –
aber leider waren die Bananen nicht reif genug. „Das war ein kompletter
Reinfall.“
Das mit dem Bananeneis klappt inzwischen, alles weitere findet sich. „Wenn es
für eine neue Sorte kein Rezept gibt, erfinde ich eben eins“, sagt Jung. Er hat
noch lange nicht genug. „Ich habe schon wieder einige Ideen im Kopf, was man
aus dem Laden noch machen könnte“, sagt er. Wenn die Eissaison vorbei ist, will
er mit seinem bislang fünfköpfigen Helferteam andere süße Sachen machen. „Im
Winter wollen wir Schokolade selbst herstellen und Pralinen anbieten.“ Und auf
lange Sicht könnte er sich einen „Imbiss der anderen Art“ vorstellen, mit
deftig belegten Broten „und noch viel mehr“.
Die Planungen dazu laufen schon, viel mehr verrät Jung noch nicht. Aber eins
ist sicher: Langweilig wird ihm in der nächsten Zeit nicht.